Jobsicherheit galt lange als altmodisch. Wer sie wollte, wirkte unflexibel und wenig ehrgeizig. Laut Arbeitspsychologe Andreas Hermann steht sie inzwischen zum ersten Mal seit über 20 Jahren auf Platz 1 der Gründe, warum sich Menschen bei einem Unternehmen bewerben.
In der KICK-ASS-BOSS-Session am 8. Oktober hat er gezeigt, was das für Führungskräfte bedeutet. Hier findest du die Aufzeichnung und die wichtigsten Aussagen im Überblick.
Warum Jobsicherheit nicht träge macht
Ein Mythos hält sich hartnäckig: Wer Sicherheit will, ist unflexibel und mutlos. Andreas widerspricht. Gerade in Zeiten ständiger Veränderung bremst fehlende Sicherheit. Sie führt zu Lähmung, Dienst nach Vorschrift und einer Kultur der Angst. Damit verschwindet genau die Agilität, die sich alle wünschen.
Unsicherheit entsteht dabei nicht nur im eigenen Team. Wirtschaftslage, Auftragslage oder Rightsizing sind klassische Auslöser. Selbst wenn es dem Unternehmen gut geht, kann sich die eigene Stelle durch KI oder Transformation plötzlich verändern. Das Gefühl erreicht dein Team auch dann, wenn du es nicht ansprichst.
Außerdem belegt Unsicherheit den Arbeitsspeicher im Kopf. Wer sich Sorgen um seinen Job macht, hat weniger Kapazität für Kreativität und Innovation. Genau die braucht ein Unternehmen aber, um aus schwierigen Phasen herauszukommen.
Vier Spannungsfelder, die du als Führungskraft kennen solltest
Andreas hat vier Spannungsfelder vorgestellt, in denen sich entscheidet, ob Jobsicherheit hilft oder hemmt.
1. Jobsicherheit vs. Festgefahrensein
Die alte Denke lautet: “30 Jahre dieselbe Stelle, und niemand darf mich kündigen.” Die neue: “Ich kann hier wachsen, meine Leistung wird gesehen, und mein Unternehmen befähigt mich, auch morgen noch relevant zu sein.” Wer nur Zeit absitzen will, braucht keinen Schutz. Wer sich entwickeln will, dem solltest du als Führungskraft Sicherheit geben.
2. Anforderungen vs. Ressourcen
Hohe Anforderungen ohne Ressourcen führen Richtung Burnout. Mit ausreichenden Ressourcen entstehen daraus Engagement und Flow. Die Stellschraube sind also die Ressourcen. Fällt die Jobsicherheit weg, brennt die Kerze an beiden Enden.
3. Hilflosigkeit vs. Selbstwirksamkeit
Im Passiv-Modus warten Menschen ab, was passiert. Im Aktiv-Modus gestalten sie mit. Welcher Modus im Team gilt, hängt stark von der Führung ab. Wenn sich bei jeder Herausforderung alle zurücklehnen, ist es Zeit, Selbstwirksamkeit gezielt zu fördern.
4. Angst vs. Sicherheit
Unsicherheit erzeugt Angst, und Angst schwächt das Risikobewusstsein. Wer um seinen Job fürchtet, spricht Fehler nicht mehr an. Im Extremfall kommt es zu Sabotage. Einen lauteren Hilferuf nach Kontrolle gibt es kaum.
Wenn Angst regiert: zwei Beispiele aus der Geschichte
Andreas erzählte in der Session zwei Beispiele dafür, was Existenzangst auslösen kann. Anfang des 19. Jahrhunderts zerstörten Maschinenstürmer die ersten mechanischen Webstühle, weil sie Armut fürchteten. In den 1970er- und 80er-Jahren sollen Mitarbeitende des US Postal Service Pakete in neue Briefsortieranlagen gestopft haben, damit die Maschine schlechter dastand als sie selbst.
Das Muster ist laut Andreas immer gleich: Wo Menschen um ihre Existenz fürchten, werden sie zu Gegnern des Fortschritts. Ein Blick in dein eigenes Team lohnt sich, ob dort Ängste oder Unsicherheiten schwelen.
Die drei Kernbotschaften zur Jobsicherheit
Sicherheit ist nicht das Gegenteil von Veränderung, sondern ihr Fundament. Drei Dinge gibt Andreas dir mit:
1. Sicherheit ist Treibstoff, kein Bremspedal. Wer sich sicher fühlt, wagt auch den Sprung nach vorn.
2. Befähigung ist die neue Garantiestufe. Wer Menschen befähigt, nimmt ihnen Unsicherheit und Existenzängste.
3. Klarheit schlägt Optimismus. Ehrliche Kommunikation schafft mehr Vertrauen als jede Schönfärberei.
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